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Gefühle benennen lernen: Wie du deinem Kind Gefühlswörter schenkst

Ewelina Gawlik
Ewelina Gawlik

Kindheitspädagogin B.A.

5. September 20267 Min.
Gefühle benennen lernen: Wie du deinem Kind Gefühlswörter schenkst

Wenn du deinem Kind Gefühle benennen beibringen möchtest, gehst du am besten so vor: Sprich aus, was du an deinem Kind beobachtest, gib dem Gefühl einen Namen und bleib dabei ruhig an seiner Seite. Ein Satz wie „Du bist wütend, weil der Turm umgefallen ist“ wirkt oft Wunder. Genau das meint die Forschung, wenn sie vom sogenannten affect labeling spricht, dem Benennen von Gefühlen: Sobald ein Gefühl ein Wort bekommt, verliert es an Wucht. Beim Thema Gefühle benennen beim Kind bist du das wichtigste Vorbild. Dein Kind lernt den Gefühlswortschatz nicht aus dem Lexikon, sondern von dir, im ganz normalen Alltag, beim Anziehen, beim Trösten, beim Streit am Sandkasten.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Gefühle bekommen einen Namen, wenn du sie zuerst vorlebst und dann bei deinem Kind benennst.
  • Affect labeling bedeutet: Ein benanntes Gefühl beruhigt das Nervensystem schneller als ein unbenanntes.
  • Spiegeln heißt, das Gefühl deines Kindes in Worte fassen, ohne es zu bewerten oder sofort lösen zu wollen.
  • Spiele und Rituale machen aus dem Gefühlswortschatz etwas Leichtes und Freudvolles statt einer Lektion.
  • Auch unangenehme Gefühle wie Wut, Neid oder Eifersucht dürfen einen Namen haben, denn sie gehören dazu.

Gefühle benennen lernen: warum der Wortschatz so viel verändert

Ich bin Ewelina, Kindheitspädagogin und Mutter von zwei Kindern, und ich erlebe es immer wieder: Kinder, die ihre Gefühle benennen können, sind im Sturm der Emotionen weniger allein. Sie haben ein Werkzeug. Statt zu treten und zu brüllen, können sie irgendwann sagen „Ich bin traurig“ oder „Das macht mich wütend“. Das ist kein Zaubertrick, sondern Hirnforschung.

Der Fachbegriff dafür ist affect labeling, also das Benennen von Gefühlen mit Worten. Wenn wir einem Gefühl einen Namen geben, wird im Gehirn der Teil, der für besonnenes Denken zuständig ist, stärker aktiv, und der Alarmbereich, die sogenannte Amygdala, beruhigt sich ein Stück. Genau das zeigte eine vielzitierte Studie zum Benennen von Gefühlen. Vereinfacht gesagt: Das Wort schafft Abstand zum Gefühl, und Abstand schafft Handlungsspielraum.

Für dein Kind heißt das ganz praktisch: Je mehr Gefühlswörter es kennt, desto besser kann es seine innere Welt einordnen. Die emotionale Entwicklung des Kindes verläuft Schritt für Schritt. Schon im ersten Jahr zeigen sich Freude, Ärger und Trauer, im zweiten kommen feinere Gefühle wie Stolz, Scham oder Mitgefühl dazu. Den Umgang mit diesen oft heftigen Empfindungen muss ein Kind erst lernen, und dabei brauchst du Geduld und vor allem Worte.

Du gehst voran: Gefühle vorleben

Kinder lernen nicht durch Vorträge, sondern durch Nachahmung. Deshalb beginnt der Gefühlswortschatz nicht bei deinem Kind, sondern bei dir. Wenn du deine eigenen Gefühle benennst, zeigst du deinem Kind ganz nebenbei, wie das geht.

Das klingt zum Beispiel so:

  • „Puh, ich bin gerade richtig gestresst, weil wir uns beeilen müssen.“
  • „Ich freue mich so, dass wir heute Oma besuchen.“
  • „Ich bin traurig, dass unser Ausflug ins Wasser gefallen ist.“
  • „Ich war eben ungeduldig mit dir. Das tut mir leid, das hatte nichts mit dir zu tun.“

Wichtig ist dabei: Du musst nicht perfekt sein. Du darfst auch mal laut werden und es danach wiedergutmachen. Genau dieses Reparieren ist ein riesiges Geschenk, weil dein Kind lernt, dass Gefühle und Fehler zum Leben gehören. Wer mehr darüber lesen möchte, wie das gelingt, findet in meinem Beitrag wieso du über deine Gefühle mit deinem Kind sprechen solltest viele weitere Impulse.

Die Psychotherapeutin Philippa Perry bringt es in ihrem Buch „Das Buch, von dem du dir wünschst, deine Eltern hätten es gelesen“ sinngemäß auf den Punkt: Gefühle vergehen nicht dadurch, dass wir sie verdrängen, sondern dadurch, dass wir sie zulassen und ihnen einen Namen geben. Genau das darfst du deinem Kind vorleben.

Gefühle spiegeln statt wegreden

Spiegeln bedeutet, das Gefühl deines Kindes in Worte zu fassen, ohne es sofort lösen oder kleinreden zu wollen. Du wirst zum Sprachrohr für etwas, das dein Kind noch nicht selbst ausdrücken kann. Das Schöne daran: Du musst nichts reparieren, du musst nur da sein und benennen.

Ein häufiger Stolperstein ist, dass wir Gefühle aus Liebe sofort wegwischen wollen. „Ist doch nicht so schlimm“ ist gut gemeint, aber dein Kind hört: Mein Gefühl stimmt nicht. Besser ist es, das Gefühl ernst zu nehmen, so wie ich es im Artikel Gefühle von Kindern ernst nehmen und verstehen beschreibe.

Situation: Der Lego-Turm fällt um und dein Kind weint vor Frust

Das hört dein Kind oft

Ist doch nicht so schlimm, bau ihn einfach neu.

Jetzt hör auf zu weinen, es ist nur ein Turm.

So erreichst du dein Kind

Oh nein, dein Turm ist umgefallen. Du bist richtig enttäuscht.

Das ist so ärgerlich, wenn etwas kaputtgeht, an dem man lange gebaut hat. Ich bin bei dir.

Situation: Dein Kind will nicht in den Kindergarten und klammert sich an dich

Das hört dein Kind oft

Stell dich nicht so an, du gehst da jeden Tag hin.

Große Kinder weinen doch nicht beim Abschied.

So erreichst du dein Kind

Du bist traurig, dass ich gleich gehe. Der Abschied fällt dir schwer.

Es ist okay, traurig zu sein. Ich komme nach dem Mittagessen wieder, ganz bestimmt.

Achte darauf, dass du beim Benennen nicht zur Frage greifst, sondern zur Vermutung. „Bist du wütend?“ setzt dein Kind unter Druck. „Du bist wohl wütend, oder?“ lässt Raum, dass es nickt oder den Kopf schüttelt. Wenn du danebenliegst, korrigiert dein Kind dich gern. Auch das ist Gefühlsarbeit.

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Konkrete Gefühlswörter für jeden Tag

Viele Eltern fragen mich: Welche Wörter überhaupt? Wir bleiben oft bei „lieb“, „böse“, „gut“ und „schlecht“ hängen. Dabei ist die Gefühlswelt so viel bunter. Hier eine kleine Sammlung, die du nach und nach im Alltag einstreuen kannst:

  • Freudige Gefühle: stolz, begeistert, neugierig, erleichtert, geborgen, aufgeregt.
  • Schwere Gefühle: wütend, enttäuscht, eifersüchtig, ängstlich, einsam, frustriert, verlegen.
  • Körpergefühle: müde, hungrig, kribbelig, angespannt, satt.

Ein wunderbares Sprachbild liefert Nora Imlau in ihrem Buch „So viel Freude, so viel Wut“. Sie zeigt sinngemäß, dass gerade die gefühlsstarken Kinder ihre Emotionen besonders intensiv erleben und deshalb umso dringender Erwachsene brauchen, die diese großen Gefühle mit ihnen benennen und sortieren. Genau hier setzt der Gefühlswortschatz an.

Eine schöne Eselsbrücke ist die Verbindung von Gefühl und Körper. Frag dein Kind: „Wo in deinem Bauch sitzt die Wut?“ oder „Ist die Aufregung eher ein Kribbeln oder ein Flattern?“ So lernt dein Kind, körperliche Signale zu deuten, was ein wichtiger Baustein der Emotionsregulation ist. Mehr zur Selbstberuhigung findest du in meinem Beitrag zur Co-Regulation, also dem gemeinsamen Beruhigen.

Spiele und Rituale für den Gefühlswortschatz

Am leichtesten lernen Kinder Gefühlswörter, wenn es sich nicht wie Lernen anfühlt. Hier sind meine liebsten Ideen, die du sofort ausprobieren kannst:

  1. Das Gefühlsbarometer am Esstisch. Jeder erzählt reihum, wie er sich gerade fühlt. Schon ein Dreijähriger kann auf ein Smiley zeigen. Das Ritual macht Gefühle zum normalen Gesprächsstoff.

  2. Gefühle-Raten mit Gesichtern. Ihr zieht abwechselnd eine Grimasse, und der andere rät: traurig, überrascht, wütend? Das schult das Erkennen von Mimik und macht riesigen Spaß.

  3. Die Rosen und Dornen des Tages. Beim Zubettgehen erzählt ihr je eine schöne Sache (die Rose) und eine schwierige (der Dorn). So bekommt auch das Unangenehme einen sicheren Platz.

  4. Gefühlsgeschichten beim Vorlesen. Halte beim Bilderbuch kurz inne und frag: „Wie fühlt sich der Bär hier wohl?“ Geschichten sind ein geschützter Raum, um Gefühle zu üben, die im echten Leben überfordern würden.

  5. Memory mit Gefühlen. Karten mit Gesichtsausdrücken zuordnen und dabei benennen, was man sieht. Genau dafür haben wir unsere Emotions-Memory-Spiele entwickelt, die spielerisch den Wortschatz erweitern.

Solche bildhaften Hilfsmittel wie Gefühlskarten oder ein Barometer machen Emotionen sichtbar und greifbar, das empfiehlt auch kindergesundheit-info.de zum Umgang mit starken Gefühlen. Unser Kinderbuch „Was fühlst du?“ begleitet euch dabei mit warmen Bildern durch die wichtigsten Gefühle und lädt zum Gespräch ein.

Wenn das Benennen nicht sofort klappt

Hab Geduld mit dir und deinem Kind. Gerade im Sturm einer Wut hilft kein langes Gespräch. In dem Moment ist dein ruhiger Körper wichtiger als das perfekte Wort. Du kannst kurz benennen, „Du bist so wütend“, und ansonsten einfach da bleiben. Das Sortieren in Worte kommt später, wenn der Sturm vorbei ist.

Situation: Dein Kind tobt heftig und will gerade gar nicht reden

Das hört dein Kind oft

Sag mir jetzt, was los ist, sonst kann ich dir nicht helfen.

So lange du schreist, höre ich dir nicht zu.

So erreichst du dein Kind

Ich sehe, wie viel in dir gerade los ist. Ich bleibe hier.

Wenn du soweit bist, finden wir gemeinsam ein Wort dafür. Eile gibt es keine.

Und vergiss nicht: Auch unangenehme Gefühle brauchen einen Namen. Eifersucht aufs Geschwisterkind, Neid auf das Spielzeug des Freundes, Angst vor dem Hund. Wenn dein Kind hört „Du bist eifersüchtig, weil ich gerade das Baby gewickelt habe“, fühlt es sich verstanden statt beschämt. Wie du mit besonders heftigen Ausbrüchen umgehst, beschreibe ich ausführlich in wie du auf Wutanfälle deiner Kinder reagierst.

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Häufig gestellte Fragen

Du kannst schon mit dem Baby anfangen, indem du seine Gefühle in Worte fasst, zum Beispiel „Du bist müde“. Aktiv mitsprechen können Kinder oft ab etwa zwei Jahren. Wichtig ist, dass du es altersgerecht und ohne Druck tust und einfache Wörter wie froh, traurig oder wütend wählst.

Affect labeling bedeutet, ein Gefühl mit Worten zu benennen. Studien zeigen, dass das Benennen den besonnenen Teil des Gehirns aktiviert und den Alarmbereich beruhigt. Das Wort schafft Abstand zum Gefühl, dadurch wirkt es weniger überwältigend. Für Kinder ist es ein erster wichtiger Schritt zur Selbstberuhigung.

Zwinge es nicht. Im Sturm der Emotion ist dein ruhiges Dabeibleiben wichtiger als jedes Gespräch. Benenne kurz, was du siehst, und biete an, später gemeinsam ein Wort zu finden. Oft kommt das Sortieren erst, wenn das Kind sich wieder sicher fühlt.

Benenne auch unangenehme Gefühle wie Wut, Neid oder Angst. Sie gehören zum Leben dazu und verlieren ihre Macht, wenn sie einen Namen bekommen. Ein Kind, das hört „Du bist eifersüchtig“, fühlt sich verstanden statt beschämt und lernt, dass alle Gefühle erlaubt sind.

Bewährt haben sich ein Gefühlsbarometer am Esstisch, Gefühle-Raten mit Grimassen, die Rosen und Dornen des Tages beim Zubettgehen sowie Gefühls-Memory mit Gesichtskarten. Auch das Innehalten beim Vorlesen mit der Frage, wie sich eine Figur fühlt, erweitert den Wortschatz spielerisch.

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