Kind sagt Schimpfwörter: Gelassen reagieren statt schimpfen

Dein Kind sagt Schimpfwörter und du fragst dich, ob du etwas falsch gemacht hast? Atme erst einmal durch: Wenn dein Kind Schimpfwörter sagt, ist das in den allermeisten Fällen völlig normal und kein Zeichen schlechter Erziehung. Kinder fluchen, weil sie neue Wörter ausprobieren, weil sie starke Gefühle wie Wut oder Frust loswerden müssen oder weil sie testen, welche Reaktion ein Wort auslöst. Am wirksamsten reagierst du, wenn du gelassen bleibst, dem Wort nicht zu viel Aufmerksamkeit schenkst, das Gefühl dahinter benennst und ruhig eine klare Grenze setzt, ohne zu schimpfen.
Das Wichtigste in Kürze:
- Kinder sagen Schimpfwörter meist aus drei Gründen: Ausprobieren, Gefühle ausdrücken und Aufmerksamkeit testen.
- Erst deine Reaktion verleiht einem Wort seine Macht. Bleibst du gelassen, wird das Wort schnell langweilig.
- Gefühlsfluchen ist ein Ventil. Es ist gesünder, wenn dein Kind schimpft, als wenn es schlägt oder beißt.
- Grenzen setzt du ruhig und klar, indem du das Gefühl annimmst und gleichzeitig sagst, welche Worte in eurer Familie nicht okay sind.
- Vorbild, Wut-Wörter zum Ersatz und ein gefühlsreicher Wortschatz helfen langfristig mehr als jede Strafe.
Warum dein Kind Schimpfwörter sagt: die drei häufigsten Gründe
Bevor wir über Reaktionen sprechen, lohnt sich der Blick darauf, was eigentlich passiert. Denn Schimpfwörter sind selten das, wonach sie klingen. In meiner Arbeit mit Familien begegnen mir vor allem drei Motive.
Der erste Grund ist das Ausprobieren. Kinder sind Sprachforscher. Sie sammeln Wörter wie kleine Schätze und probieren sie aus, oft ohne die Bedeutung wirklich zu kennen. Ein Dreijähriger, der fröhlich Kackawurst durchs Wohnzimmer ruft, will dich meist nicht beleidigen. Er hat ein Wort entdeckt, das interessant klingt. Diese Neugier gehört zur normalen Sprachentwicklung, also dem schrittweisen Erwerb von Wortschatz und Sprachgefühl. Eine gute Übersicht dazu findest du bei der Sprachentwicklung von Kindern.
Der zweite Grund ist der Gefühlsausdruck. Wenn der Turm zusammenfällt oder das Tablet ausgeht, kocht in deinem Kind eine riesige Wut hoch. Sein Gehirn hat aber noch kaum Werkzeuge, diese Wut zu steuern. Ein Schimpfwort ist dann ein Ventil. Es ist, ehrlich gesagt, ein erstaunlich friedliches Ventil, denn es entlädt den Druck mit Worten statt mit Fäusten.
Der dritte Grund ist die Aufmerksamkeit. Kinder beobachten genau, was passiert, wenn sie ein bestimmtes Wort sagen. Reißt Mama die Augen auf, lacht Papa oder gibt es Theater? Dann hat das Kind etwas Mächtiges gefunden. Genau hier liegt unser größter Hebel: Erst unsere Reaktion macht ein Wort spannend.
Erst deine Reaktion macht das Wort mächtig
Das ist der wichtigste Satz dieses Artikels: Ein Schimpfwort hat nur die Macht, die wir ihm geben. Wenn Erwachsene erschrocken zusammenzucken, empört schimpfen oder vor Schreck lachen, lernt das Kind blitzschnell, dass dieses Wort ein Knopf ist, der eine große Reaktion auslöst. Und welcher Mensch drückt nicht gern einen Knopf, der so zuverlässig funktioniert?
Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung rät bei solchen Themen, starke Gefühle anzunehmen und gleichzeitig ruhig Halt zu geben. Übertragen auf Schimpfwörter heißt das: Bleibst du gelassen und schenkst dem reinen Ausprobier-Wort wenig Aufmerksamkeit, verliert es seinen Reiz. Bleibt die erwartete große Reaktion aus, wird das Wort für dein Kind ziemlich schnell langweilig.
Gelassenheit bedeutet dabei nicht, alles durchgehen zu lassen. Sie bedeutet, dass dein Gesicht und deine Stimme ruhig bleiben, während du trotzdem klar bist. Ein gelangweiltes Diese Wörter mag ich nicht, lass uns ein anderes finden wirkt oft stärker als jede Empörung.
Situation: Dein vierjähriges Kind ruft beim Spielen fröhlich ein aufgeschnapptes Schimpfwort und schaut dich gespannt an.
Das hört dein Kind oft
„Was hast du da gerade gesagt?! Das sagt man NICHT!“
„Wo hast du das denn her? Solche Wörter will ich nie wieder hören!“
So erreichst du dein Kind
„Dieses Wort gefällt mir nicht. Such dir lieber ein anderes für deinen Turm.“
„Hm, das benutzen wir hier nicht. Magst du mir stattdessen Quatschwort zeigen?“
Wenn Schimpfen ein Ventil ist: Gefühle annehmen, Worte begleiten
Anders sieht es aus, wenn dein Kind aus echter Wut flucht. Hier wäre es ein Fehler, nur auf das Wort zu schauen. Denn dann übersiehst du das eigentliche Geschehen: Dein Kind ist überflutet von einem Gefühl, das es noch nicht regulieren kann. Die Emotionsregulation, also der bewusste Umgang mit starken Gefühlen, ist eine Fähigkeit, die über Jahre reift.
Jesper Juul beschreibt in seinem Buch Aggression, dass aggressive Gefühle zu jedem gesunden Menschen gehören und gefährlich werden, wenn wir sie tabuisieren. Ein Kind, das schimpfen darf, muss seltener treten oder beißen. Das heißt nicht, dass alles erlaubt ist. Es heißt, dass wir zuerst das Gefühl annehmen und erst dann an den Worten arbeiten.
„Aggression ist ein gesunder und konstruktiver Teil der menschlichen Psyche, mit dem wir nur leider verlernt haben, vernünftig umzugehen.“
Jesper Juul, sinngemäß aus „Aggression“
In der Praxis sieht das so aus: Du benennst, was du siehst, hältst die Grenze freundlich und bietest deinem Kind später bessere Wut-Wörter an. Wie du dein überflutetes Kind in solchen Momenten begleitest, beschreibe ich ausführlich im Artikel über die Co-Regulation beim Kind.
Situation: Dein Kind verliert ein Spiel und schreit ein wütendes Schimpfwort gegen das Geschwisterkind.
Das hört dein Kind oft
„So redet man nicht! Geh sofort in dein Zimmer!“
„Wer flucht, spielt nicht mehr mit. Aus.“
So erreichst du dein Kind
„Du bist megasauer, weil du verloren hast. Das verstehe ich. Aber deine Schwester beschimpfen geht nicht.“
„Wut ist okay, dieses Wort nicht. Sag lieber: Ich bin total wütend!“

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Das Buch mit praktischen Übungen und Strategien, das deinem Kind hilft, seine Gefühle zu verstehen und auszudrücken. Inkl. Leitfaden für Eltern.
Zum BundleGelassen Grenzen setzen statt schimpfen: dein 4-Schritte-Plan
Gelassenheit und Grenzen sind kein Widerspruch. Du kannst ruhig bleiben und trotzdem deutlich machen, welche Worte in eurer Familie nicht okay sind. Dieser 4-Schritte-Plan hat sich bewährt und du kannst ihn sofort anwenden.
- Bleib ruhig und atme. Sag dir innerlich einen Anker-Satz wie: Das ist nur ein Wort, ich entscheide, wie mächtig es wird. Deine Ruhe ist die halbe Miete.
- Benenne das Gefühl, wenn eines da ist. Bei echtem Frust hilft: Du bist gerade richtig wütend. Dein Kind fühlt sich gesehen und das beruhigt schon.
- Setze die Grenze klar und freundlich. Trenne Gefühl und Verhalten: Wütend sein darfst du immer. Dieses Wort benutzen wir hier nicht. Eine Begründung in Kindersprache hilft: Das Wort tut anderen weh.
- Biete eine Alternative an. Kinder brauchen ein Ersatzventil. Gemeinsam erfundene Wut-Wörter wie Mistkäfer oder Ich bin sauer wie ein Vulkan machen sogar Spaß und entladen den Druck genauso gut.
Warum klare Grenzen Kindern Sicherheit geben und kein Widerspruch zu liebevoller Begleitung sind, liest du vertieft in meinem Artikel Erziehung braucht Grenzen. Und falls du dich fragst, ob du ohne Schimpfen und Strafen überhaupt etwas bewirken kannst: Ja, das geht, und zwar oft besser. Mehr dazu findest du unter wie du Kinder ohne Strafen erziehst.
Adele Faber und Elaine Mazlish zeigen in ihrem Klassiker So sag ich es meinem Kind eindrücklich, wie sehr es hilft, Gefühle zuerst anzuerkennen, bevor man auf das Verhalten eingeht. Ein Kind, dessen Gefühl gehört wurde, ist viel eher bereit, eine Grenze anzunehmen. Dieser Gedanke trägt durch fast jede Schimpfwort-Situation.
Warum Strafen und Mundwaschen nichts bringen
Vielleicht kennst du aus deiner eigenen Kindheit Sätze wie Dafür wird der Mund mit Seife gewaschen. Solche Methoden wirken auf den ersten Blick konsequent, lösen das Problem aber nicht. Strafen unterdrücken nur den Ausdruck, nicht das Gefühl. Dein Kind lernt dadurch nicht, mit Wut umzugehen, sondern lediglich, sie vor dir zu verstecken oder das Wort dort zu benutzen, wo du es nicht hörst.
Auch große Empörung ist eine Form von Belohnung, weil sie dem Kind genau die Aufmerksamkeit gibt, die ein Wort spannend macht. Und wenn wir selbst im Streit schimpfen, danach aber dem Kind das Fluchen verbieten, entsteht ein Widerspruch, den Kinder sofort spüren.
Stabile Beziehungen entstehen nicht durch Strafe, sondern durch verlässliche, ruhige Begleitung. Wie sehr eine sichere Eltern-Kind-Bindung Kindern hilft, sich zu regulieren, betont auch das Nationale Zentrum Frühe Hilfen. Wenn Konflikte bei euch häufig eskalieren und du nach gewaltfreien Wegen suchst, schau gern in meinen Artikel, wie du Konflikte gewaltfrei lösen kannst.
Situation: Dein Kind beschimpft dich direkt mit einem Schimpfwort, weil du Nein zur Süßigkeit gesagt hast.
Das hört dein Kind oft
„Sag das noch einmal und du hast Hausarrest!“
„So ein undankbares Kind. Schäm dich.“
So erreichst du dein Kind
„Das hat mich verletzt. Du darfst wütend auf mich sein, mich beschimpfen darfst du nicht.“
„Ich bleibe bei meinem Nein. Wenn die Wut kleiner ist, reden wir, wie wir das anders sagen können.“
Vorbild und Wortschatz: so wird Fluchen langfristig seltener
Die nachhaltigste Wirkung erzielst du nicht in der akuten Situation, sondern in den ruhigen Momenten dazwischen. Drei Dinge machen über die Zeit den größten Unterschied.
Erstens das Vorbild. Kinder lernen Sprache durch Nachahmung. Wenn wir uns im Stau verfluchen, ist das menschlich, aber wir sollten ehrlich bleiben: Auch ich sage manchmal ein Wort, das ich besser nicht sage, und entschuldige mich dann. Diese Echtheit lehrt mehr als jede Regel.
Zweitens ein reicher Gefühlswortschatz. Ein Kind, das viele Wörter für seine Gefühle hat, muss seltener zum Schimpfwort greifen. Übt im Alltag, Gefühle zu benennen: Du bist enttäuscht, frustriert, genervt, traurig. Spielerisch geht das wunderbar mit unserem Kinderbuch Was fühlst du?, mit dem ihr in ruhigen Momenten gemeinsam Gefühle entdeckt und in Worte fasst. Wie du die emotionale Sprache deines Kindes Schritt für Schritt aufbaust, beschreibe ich auch im Artikel darüber, wie du Gefühle von Kindern ernst nehmen und verstehen kannst.
Drittens gemeinsame Familienregeln. Setzt euch in einer ruhigen Minute zusammen und überlegt: Welche Wörter tun weh? Welche Quatschwörter dürfen wir stattdessen brüllen, wenn wir wütend sind? Kinder halten sich viel lieber an Regeln, die sie mitgestaltet haben.
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Häufig gestellte Fragen
Ja, das ist völlig normal und meist Teil der gesunden Entwicklung. Kinder probieren neue Wörter aus, drücken damit Gefühle aus oder testen Reaktionen. Es ist kein Zeichen schlechter Erziehung, sondern eine Phase, die du gelassen begleiten kannst.
Bleib ruhig und schenke einem reinen Ausprobier-Wort wenig Aufmerksamkeit. Bei echter Wut benenne zuerst das Gefühl („Du bist wütend“), setze dann freundlich eine Grenze („Dieses Wort benutzen wir nicht“) und biete eine Alternative wie ein selbst erfundenes Wut-Wort an.
Nein. Strafen unterdrücken nur den Ausdruck, nicht das Gefühl dahinter. Dein Kind lernt dadurch eher, Wörter heimlich zu benutzen. Wirksamer sind Gelassenheit, klare Grenzen, ein gutes Vorbild und gemeinsam vereinbarte Familienregeln.
Weil es sich bei dir am sichersten fühlt. Kinder zeigen ihre heftigsten Gefühle dort, wo die Beziehung am stabilsten ist. Dass dein Kind bei dir loslässt, ist also paradoxerweise ein Zeichen von Vertrauen, kein Zeichen fehlender Liebe.
Etwa ab dem Kindergartenalter beginnen Kinder zu verstehen, dass Worte verletzen können, sicher einschätzen können sie das aber erst später. Bis dahin hilft es, ruhig und immer wieder kurz zu erklären, warum ein Wort andere verletzt, statt es zu bestrafen.
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